Realisierung der Einsamkeit

πš‚πš˜πš–πšŽπš πš‘πšŽπš›πšŽ πš‹πšŽπšπš πšŽπšŽπš— πšπš‘πšŽ πšœπšπšŠπš›πš 𝚘𝚏 πšπš‘πšŽ πšπš›πšŠπš’πš• πšŠπš—πš πšπš‘πšŽ eπš—πš πš’πšœ πšπš‘πšŽ πš–πš’πšœπšπšŽπš›πš’ πš πš‘πš’ 𝚠𝚎 πšŒπš‘πš˜πš˜πšœπšŽ 𝚝𝚘 πš πšŠπš•πš”.


Dienstag frΓΌh sprΓΌhte ich vor Motivation. Die lΓ€ngste Wander Strecke lag vor mir. Von St. Andreasberg nach Elend wΓΌrden es ca. 15 km sein. Ich freute mich darauf einfach nur zu laufen und wieder neues zu sehen. Das Wetter sah vielversprechend aus.
Bevor es los ging genoss ich noch das ΓΌppige FrΓΌhstΓΌck in der Pension JagdhΓΌtte und plauderte mit Frau Bartels. Ich packte die restlichen Sachen in meinen Kamerarucksack - der mir auf dieser Reise wirklich gute Arbeit geleistet hatte - schnappte Atlas und los ging es.

Google Maps und meine Harz Wanderkarte waren dauerhaft im Gebrauch. Manchmal war die Karte nicht ganz klar, da ein Weg fehlte oder Maps schlug mir einen Weg vor der fΓΌr Wanderer garnicht vorgesehen war. Der erste Teil der Strecke war ein langer Abstieg auf kleinem grauen Steingranulat. Scharfkantig wie dieses Schotter ist verletzte sich Atlas an seiner rechten Vorderpfote. Ich bemerkte diese Wunde nur leider sehr viel spΓ€ter, als wir bereits angekommen waren. WΓ€hrend der ganzen Strecke machte er keinen Mucks, humpelte nicht und zog einfach weiter durch. Er ist wahrlich ein kleiner tapferer KΓ€mpfer.

Auf dem Weg hatte ich unglaubliche Momente der Klarheit. Probleme die Zuhause unmΓΆglich zu lΓΆsen scheinen, wirkten aufeinmal total logisch lΓΆsbar. Als hΓ€tte man mir eine Augenbinde abgenommen, konnte ich aufeinmal alles klar und deutlich sehen. Als wΓ€re ich aus dem Nebel getreten. Diese Momente gaben mir unendliche GefΓΌhle von Ruhe und Gelassenheit. Ich fΓΌhlte mich weise und als kΓΆnnte ich mit bedacht vΓΆllig entspannt alles lΓΆsen was sich vor mir aufbauen wΓΌrde. Die Entspannung drang so tief, dass ich selbst den schweren Rucksack auf meinen Schultern nicht mehr spΓΌrte. Die Natur zeigte mir wie simpel alles sein kann. Wie einfach sich neue Wege auftun, wenn man einfach nur die Ruhe bewahrt und die Augen ΓΆffnet.

Auf unserem Weg kamen wir durch Braunlage, dort machten wir erstmal ausgiebig Pause. UngefΓ€hr die HΓ€lfte unserer Strecke hatten wir bereits geschafft und das Wetter spielte hervorragend mit. Bestimmt eine Stunde verbrachten wir auf dem HΓΌgel der einen tollen Blick aufs Dorf bot. Eine kleine Mittagspause fΓΌr uns, fΓΌr mich gabs Sandwiches und eine Banane und Atlas bekam das extra gekaufte hyperallergen Trockenfutter als Snack. Wir halten nicht viel von Trockenfutter, aber fΓΌr diese Reise war nichts anderes MΓΆglich da das Trockenbarf nicht rechtzeitig geliefert wurde. Woran man alles denken muss, wenn man mit Hund unterwegs ist…

Als wir aus Braunlage raus wollten war doch tatsÀchlich der geplante Wanderweg auf Grund von FÀllungsarbeiten gesperrt. Spontan mussten wir also einfach mal einen Umweg von 2km nehmen um auf unsere ursprüngliche Route zurück zu kehren. Erfreut war ich darüber garnicht, da wir so an Straßen und Wohnungen vorbei mussten statt durch den herrlichen Wald. Als wir in der NÀhe der Arbeiter waren und die BÀume auf den Boden schlagen hârten und auch spüren konnten, dachte ich mir, dass es ja doch ganz gut ist da jetzt nicht durch zu laufen.

Der Weg auf dem wir liefen hieß β€œHarzer Hexen Stieg” und zog sich durch den kompletten Harz. Bevor ich im Harz ankam, waren mir diese ganzen Hexen suspekt - die Vorstellung, halbnackte Hexen die auf der Spitze des Brockens tanzen kam mir doch etwas schaurig daher. Aber an die kleine grΓΌne Hexe die ΓΌberall an den BΓ€umen befestigt war gewΓΆhnte ich mich dann sehr schnell und ich freute mich jedes mal als ich sie sah, denn das bedeutete ich bin auf dem richtigen Weg! Und diesen Weg kann ich wirklich nur empfehlen. Der letzte Part unserer Strecke fΓΌhrte durch einen erneut wunderschΓΆnen Nadelwald. Der Boden wieder so wunderbar saftig und in der Luft hing der Duft von Baumharz und Tannen. Dort sammelte ich Moos, einen Tannenzweig und einen Tannenzapfen um diese GerΓΌche mit nach Hause nehmen zu kΓΆnnen.

In Elend angekommen suchte ich unsere Pension, dafΓΌr liefen wir durchs ganze Dorf - und auch wenn das Dorf wirklich winzig ist, so war es doch wahnsinnig anstrengend da man sich doch einfach total auf Ruhe und Erholung gefreut hat. Nachdem ich dann in einem kleinen β€œAllesmΓΆgliche” - Laden nach der Pension fragte, folgte ich der Wegbeschreibung. Die Dame in dem Laden sagte mir, dass ich vermutlich bei dem Besitzer anrufen muss, da dort eigentlich keiner ist. Na das klang doch schonmal vielversprechend…

Ich stand also vor einem alten Haus. Hochparterre und zwei weitere Stockwerke. Die Fassade hatte schon deutlich bessere Zeiten gesehen und das Haus wirkte wie eine verlassene Ruine.
Die Handynummer des Betreibers klebte an der TΓΌr, also rief ich dort an. Der Betreiber klang ganz sympathisch, er sagte mir, dass er seine Tochter anrufe und diese mich dann in mein Zimmer bringt. Er erwΓ€hnte auch, dass ich komplett alleine in der Pension sein wΓΌrde.

Ich dachte mir erst nichts dabei, immerhin ist es ja eine offizielle Unterkunft und ich bin ja eh gerade gerne alleine, also war das fΓΌr mich erstmal ok.

Die Tochter kam vorbei und fΓΌhrte mich umher, anders wie erwartet brachte sie mich zu einem Zimmer im obersten Stockwerk, direkt unter dem Dachboden, das letzte Zimmer im Gang. So langsam fΓΌhlte ich mich unwohl. Sie gab mir die SchlΓΌssel und half mir noch das WLAN auf meinem Handy einzustellen - leider erfolglos. Kein Netz. Keine Menschen. Okay.

Als sie gang und ich plΓΆtzlich in diesem riesen Haus alleine war ΓΌberkam mich ein Schauer. Um nicht zu sehr in meinem schlechten GefΓΌhl zu stecken, schaute ich mich nochmal genauer im Haus um. In meinem Zimmer gab es ein kleines Waschbecken, darΓΌber ein einfacher Spiegel und ein kleines Regal welches mehrere tote Fliegen beherbergte. Der Flur auf meiner Etage knarschte ganz wiederlich als ich dort entlang lief und ein kleines Kindernachtlicht klickte und leuchtete auf - direkt darΓΌber die Luke zum Dachboden. Die erste Treppe runter gab es eine zwischenebene mit einer TΓΌr, dahinter verbag sich eine uralte Toilette. Mit großem SpΓΌlkasten und Kette zum spΓΌlen, alten kaputten Fliesen, einem dreckigen Waschbecken ohne warmen Wasser oder Seife, geschweige denn einem Handtuch, lud einen das nicht zum verweilen ein. Als ich spΓΌlte ging das GerΓ€usch durchs ganze Haus und Atlas - der zu dem Zeitpunkt im Zimmer entspannte - erschrak und rannte schnell zu mir…

Weitere Treppen runter gab es 3 Weitere Zimmer und die gemeinschafts Dusche. Als ich dort die TΓΌr ΓΆffnete erschlug mich fast der Blitz. Ein alter abgewrackter Stuhl stand an der Wand, eine alte Duschkabine direkt daneben und ein A4 Zettel mit der Anleitung wie man heißes Wasser zum Duschen bekommt. Die Fliesen sahen aus wie aus einer verlassenen Krankenstation und zwei durchlebte Waschbecken hingen an der gegenΓΌberliegenden Wand. Ich wusste, dort wΓΌrden mich keine 10 Pferde rein kriegen. Die nΓ€chsten Stufen gab es wieder eine Zwischenebene mit einer TΓΌr. NatΓΌrlich dachte ich, es wΓ€re eine weitere Toilette. Nein es war ein Raum der bis oben hin voll war mit Kram und MΓΌll, als hΓ€tte jemand schnell aufrΓ€umen mΓΌssen, stapelte es sich darin…


Der Aufenthaltsraum war voll mit alten DekorationsstΓΌcken die vΓΆllig eingestaubt waren. Eine alte Hexenpuppe und alte FilzhΓΌte standen und hingen in den Ecken. Ein Ordner lag auf dem Tisch - β€œErlebnisse in und um Elend”. Ich blΓ€tterte ihn durch um dann festzustellen, dass dort fast nur Zeitungsausschnitte zum Thema Harz drin zu finden waren.
Ein TV stand im Nebenzimmer und ein Telefon im Flur. Selbst die lost Places die ich bisher gesehen habe waren lebendiger als dieses GebΓ€ude. UnwillkΓΌrlich dachte ich sofort an den Film β€œThe Shining” und wusste -
dieser Ort ist perfekt um jemanden zu ermorden.

Ich fΓΌhlte mich so unwohl, dass ich am Telefon mit Jonas erstmal einen kleinen Nervenzusammenbruch erlitt. Wir waren schlussendlich 18km gelaufen und waren einfach total erschΓΆpft, die Verletzung an Atlas Pfote und dann diese schreckliche Unterkunft. Ich war am Ende. Ich fΓΌhlte mich so einsam, ich kenne das GefΓΌhl - meine Psyche lΓ€sst mich Einsamkeit oft erleben - aber diese Einsamkeit war anders. Sie war bedrohlich und eiskalt. Sie war erdrΓΌckend und zermΓΌrbend.

Jonas und ich entschieden uns sofort eine neue Unterkunft fΓΌr mich zu finden. Da ich kein Internet hatte konnte ich nichts machen und wartete so unruhig auf Jonas erlΓΆsende Nachricht. Alles was ich ausgepackt hatte schmiss ich schnell wieder in meinen Rucksack und meldete mich unter einem Vorwand beim Betreiber. Dieser war nicht erreichbar also sprach ich ihm auf den Anrufbeantworter und schmiss den SchlΓΌssel vom Zimmer in den Briefkasten.

Schnell raus!

An der einzigen Bushaltestelle im Dorf holte mich ein Taxi ab - dass Jonas organisiert hatte- und brachte mich auf direktem Weg nach Schierke in die Ferienwohnung Kah bei der ich herzlich von Herr Kah begrüßt und rumgeführt wurde. Auch Frau Kah begrüßte mich und sagte mir wo man im Ort essen und einkaufen kann, zwar war es für beides schon zu spÀt, aber für die nÀchsten Tage nicht unwichtig. Die Ferienwohnung war wunderbar. Sie war sauber, warm und gemütlich - ich fühlte mich direkt wohl. Wir waren endlich angekommen.

Nachdem ich alles ausgepackt hatte und es mir gemΓΌtlich machte erhielt ich von Jonas die Nachricht β€œEssen ist auf dem Weg!”. In Wernigerode hat er extra eine riesen Pizza fΓΌr mich bestellt und bereits bezahlt.

WΓ€re er nicht gewesen wΓ€re der Urlaub aufjedenfall anders verlaufen. Ich bin unendlich dankbar und es hat mir gezeigt, dass auch wenn ich β€œalleine” Urlaub mache, ich doch nie wirklich alleine bin - und das auch garnicht will.


Mittwoch verbrachten wir in der Ferienwohnung. Die Aufregung vom Vorabend steckte mir noch in den Knochen und Atlas Pfote musste geschont werden. Ich begab mich zum ΓΆrtlichen Supermarkt und kaufte dort fΓΌr die nΓ€chsten Tage ein. Schierke geviel mir ausgesprochen gut, das kleine Haus auf dem HΓΌgel wΓ€re direkt mein neues Zuhause gewesen. - TatsΓ€chlich habe ich es vorgestern in Sims 3 nachgebaut, weil ich es so toll fand! -


Wir entspannten den ganzen Tag auf dem Sofa, Atlas schlief fast ohne Pause und ich ließ mich vom bedeutungslosen TV Programm berieseln.

Ich war frustriert, wollte ich doch weiter laufen und auf den Brocken. Gleichzeitig erkannte ich wie dringend wir beide diese Pause gebraucht haben. Dieser Tag lehrte mir, dass man abundzu eine Pause einlegen muss auf seinem Weg um wieder mit voller Energie und einem klaren Geist weitergehen zu kΓΆnnen. Der Tag lehrte mich auch, dass es ok ist emotional zu sein, zu weinen und zu verarbeiten was man erlebt hat und das alles im eigenen Tempo.


Erholt und wieder vollends motiviert startete ich in den Donnerstag mit einem guten FrΓΌhstΓΌck und meiner Periode. Unpassender geht’s wohl nicht oder?! Ich zweifelte echt an meinem KΓΆrper und fragte mich, was das nun wieder fΓΌr eine PrΓΌfung sei der ich mich stellen mΓΌsste. Die ersten 2 Tage sind fΓΌr mich immer die schlimmsten. Wie eine KreissΓ€ge rotiert es in meinem Unterleib und ich bin mir sicher, so fΓΌhlt es sich an bei lebendigem Leibe ausgeweidet zu werden. Toll - dachte ich mir - wir machen das trotzdem! Schnell beim Supermarkt Tampons besorgt - an mein MenstruationstΓ€sschen habe ich nΓ€mlich beim Packen nicht gedacht - und auf gings zum Brocken!

Der Weg der uns von Maps vorgeschlagen wurde und auch in der Wanderkarte markiert war, war ein reiner Tourismus Zug. Soviele Menschen habe ich insgesamt in den letzten Tagen nicht gesehen und es war mehr als unentspannt entweder vor sich 12 Leute zu haben die einen drosselten oder hinter sich 8 Menschen zu haben deren Hund total fixiert auf Atlas war und uns fârmlich trieben. Dazu kam noch, dass der Weg wahnsinnig Steinig war. Und ich meine nicht nur kleine Steine die einen etwas unstabil stehen lassen - nein ich meine große Findlinge dicht an einander über die man klettern musste um voran zu kommen. Das ging bestimmt 2-3 km so. Das war echt kein Spaß und ich hab geschwitzt wie ein Esel.

Als wir an einer normalen Straße ankamen realisierte ich den anderen Weg den wir hÀtten nehmen kânnen.
Nur 600m mehr wΓ€ren es gewesen und 800 Findlinge weniger…
Ich musste mich erstmal von meinem Pullover befreien der bis auf die Kapuze komplett nass geschwitzt war. Atlas war auch schon vâllig am Ende, immerhin musste er diese ganzen Steine, die oft sehr viel grâßer waren als er, auch erklimmen.

Die letzten 500m waren dann ein Kinderspiel im Vergleich zum anderen Weg und oben angekommen suchten wir uns ganz schnell einen Platz an dem wir verweilen konnten. Der ganze Tourismus da oben interessierte mich null. Ein Hotel, ein kleines Restaurant, ein Bahnhof und eine Wetterstation - alles davon empfand ich einfach nur wahnsinnig nervig und unschΓΆn. Wie herrlich wΓ€re es gewesen wenn der Brocken einfach nur ein Berg gewesen wΓ€re ohne diese ganzen von Menschen erschaffenen GebΓ€ude. So ist es aber leider nicht gewesen.

Wir verbrachten bestimmt 2 Stunden auf dem Brocken, hauptsΓ€chlich weil ich endlich wieder ein 4G Netz hatte und erstmal mit jedem bei WhatsApp chatten konnte - die Menschen um mich rum nicht immer direkt ΓΌber meine Erlebnisse in Kenntnisse zu setzen fehlte mir doch sehr extrem und machte mich regelrecht unglΓΌcklich.

Zwei junge MΓ€nner machten gegenseitig von sich Bilder auf einer Steinformation, ich hatte sofort ein Bild im Kopf und ging einfach auf die Beiden zu und fragte ob ich von beiden gemeinsam ein Bild machen soll und im Gegenzug sie eins von mir und Atlas auf den Steinen machen wΓΌrden. Gesagt getan - ich wies sie auf dem Stein an, wie sie sich am besten positionieren sollten und erklΓ€rte danach kurz wie ich mir mein Bild vorstelle. Es kamen wundervolle Bilder dabei heraus und ich freute mich riesig die Beiden angesprochen zu haben!

Danach schaute ich mich nochmal ΓΌberall um und machte mich wieder auf den Weg nach unten als eine junge Frau auf mich zu kam und mich ganz leise fragte ob ich zufΓ€llig einen Tampon hΓ€tte! Ich musste lachen und erklΓ€rte ihr, dass ich auch total davon ΓΌberrascht wurde und daher eine ganze Packung mit mir rumschleppe. Ich gab ihr ein paar und freute mich jemanden helfen zu kΓΆnnen.

Der Weg runter war so so so viel einfacher als rauf, wir sind einfach diese elendig lange Straße runter gegangen und liefen noch durch ein paar WÀlder. Und schon wieder waren die Wege, die am wenigsten bewandert wurden, die aller schânsten.

Atlas war irgendwann so geschafft und seine Pfote machte wieder Probleme, also ließ ich mir was einfallen. Ich steckte das untere StΓΌck meiner Jacke unter den HΓΌftgurt meines Rucksacks und verschloss auf dem unteren RΓΌcken den Reißverschluss. Die Γ„rmel zog ich ΓΌber den Brustgurt und durch die TrΓ€ger - eine kleine Wanne bildete sich vor meinem OberkΓΆrper. In diese setzte ich Atlas und knotete die Γ„rmel meiner Jacke hinter seinem RΓΌcken zusammen. Fertig war die Tragetasche. Ich trug ihn die letzten 3 km zurΓΌck in die Ferienwohnung. Ich wΓΌrde lΓΌgen, wenn ich sagen wΓΌrde es war leicht ihn zu tragen, dass war es nΓ€mlich absolut nicht. 12,5kg so vor der Brust zu haben und dann noch einen mindest 5kg schweren Rucksack auf dem RΓΌcken war wirklich ermΓΌdend, aber ich habs geschafft - fΓΌr diesen Hund wΓΌrde ich alles tun!

Abends in der Ferienwohnung packte ich alles zusammen und kochte mir eine Art Champignon Omlette. Mir wurde bewusst, dass es morgen wieder nach Hause ging. Ich freute mich irgendwie darauf, vorallem Jonas wieder zu sehen und wieder saubere Kleidung zu tragen. Aber da war noch ein anderes GefΓΌhl. Es ist schwer in Worte zu fassen, aber ich fΓΌhlte mich als wΓΌrde ich zurΓΌck in einen KΓ€fig steigen mΓΌssen. Die Probleme die ich in Hamburg zurΓΌck gelassen habe wieder ΓΌberstreife und zurΓΌck in mein altes schlechtes Ich zurΓΌck krieche.

Es machte mir Angst. Ich wollte diese Seite nicht wieder sehen, ich wollte sie zurΓΌck lassen und ihr nie wieder begegnen. Mit einem unguten GefΓΌhl legte ich mich schlafen und wurde von AlbtrΓ€umen immer wieder geweckt.


Nach einer unruhigen Nacht startete der Morgen chaotisch mit einem Feueralarm und einem schlecht geplantem FrΓΌhstΓΌck. Ich bezahlte die Ferienwohnung und erhielt noch ein paar Tipps von Herr Kah, danach ging es los zum Bus Richtung Elbingerode.
Heutiges Ziel war der Blaue See hinter Elbingerode, ΓΌber Pinterest habe ich diese Empfehlung gefunden und es wurde ein β€œCanada feeling in Deutschland” versprochen. In Elbingerode besorgte ich Verbandszeug fΓΌr Atlas Pfote, beim Abstieg vom Brocken ist die Wunde wieder etwas schlimmer geworden. Leider verpassten wir den Bus der in die Richtung vom See fuhr, also liefen wir ein StΓΌck bis zur nΓ€chsten Haltestelle - es gibt fΓΌr mich nichts Schlimmeres als an einer Haltestelle fΓΌr 40 Minuten zu warten und nicht wenigstens zur NΓ€chsten zu gehen!

Der Busfahrer empfiehl mir die nΓ€chst gelegene Haltestelle am See und ließ mich dort raus. Die Wegbeschreibung von ihm war aber nicht sehr schlΓΌssig also lief ich erstmal umher und wusste nicht wolang. Meine Wanderkarte hatte diesen Bereich schon garnicht mehr eingezeichnet und Maps ging nicht. Ich war schon kurz vorm Aufgeben als aus einem kleinen Haus direkt an der Straße ein alter Mann mit einem bis ΓΌber die Brust gewachsenen grauen Bart und langen grauen Haaren aus dem Fenster lehnte und mich fragte ob er helfen kann. Er beschrieb mir den genauen Weg und wΓΌnschte mir noch einen schΓΆnen Tag. TatsΓ€chlich fand ich anhand seiner Beschreibung den See und war… total enttΓ€uscht.

Der β€œBlaue See” war wohl eher GrΓΌn, klein und sah aus wie der Lokale Partyort fΓΌr Teenager. Eigentlich hatte ich geplant dort lΓ€nger zu bleiben, aber so wie es dort aussah blieben wir nur 40 min bevor wir wieder zurΓΌck zur Bushaltestelle gingen.

Wir fuhren direkt nach Wernigerode wo auch spΓ€ter am Abend unser Zug zurΓΌck fahren wΓΌrde, leider waren wir 5 Stunden zu frΓΌh da und konnten nichts wirklich machen, da Atlas Pfote Ruhe brauchte. Das Einzige was wir noch geschafft haben, war zum nΓ€chsten McDonald’s zu gehen und dort ganz langsam zu essen und zu entspannen.

Meine Laune war im Keller. Der See war doof, Atlas Pfote war verletzt, wir hatten noch 4 Stunden zu warten und dazu kam noch die Angst Zuhause wieder in den selben Problemen zu stecken wie vorher. Deprimiert wie ich war fuhren wir irgendwann mit einem Bus wieder zum Hauptbahnhof in Wernigerode und warteten auf unseren Zug.

VΓΆllig durchgefrohren kam der Zug endlich. Innen war es schΓΆn warm, zwar war Atlas die ganze Zeit in eine Decke gewickelt, das hatte aber leider nicht soviel genutzt - im Zug war das dann anders. Die Kontrolleurin fragte mich ob ich denn auch ein Ticket fΓΌr Atlas hΓ€tte und das ich ganz sicher eins brΓ€uchte in den anderen ZΓΌgen. Ich sagte ihr ich habe keins und das es auf dem Hinweg weder Probleme noch Hinweise darauf gab. Sie zickte weiter vor sich hin und meinte er mΓΌsse einen Maulkorb tragen und in einer Tasche sein - allerdings nicht in diesem Zug. Ich fragte mich wieso die Dame darauf so rum hackte immerhin hΓ€tte sie ihn vermutlich nichtmal gesehen hΓ€tte ich ihn nicht direkt an ihr vorbei getragen…

Die ganze restliche Fahrt hatten wir absolut keine Probleme und keiner hat mich auf Atlas angesprochen, wieso auch? Er ist klein, kompakt und lag die ganze Zeit schlafend unter meinem Sitz. Also vΓΆllig umsonst das Drama…

In Braunschweig kam unser Zug 10 Minuten spÀter als geplant und ich vermutete schon ein erneutes Drama. Aber zum Glück wartete der Anschlusszug in Hannover auf die FahrgÀste aus diesem Zug und darüber war ich mehr als glücklich. Im ICE von Hannover nach Hause saß ich in einem Abteil mit geschlossenem Bereich, ich fühlte mich wie im Hogwarts Express. In dieser Kabine saß Daniel, Azubi aus Schleswig und der hat mir wirklich den Rest meiner Reise versüßt! Wir haben über alles mâgliche gequatscht und unsere Kontaktdaten ausgetauscht, denn das nÀchste Mal wenn er nach Hamburg kommt zeige ich ihm den Kiez und er kann mit uns feiern!
Vielen Dank dafΓΌr - ich glaube der Abschnitt der RΓΌckfahrt hat wirklich meine Laune extrem ins positive beeinflusst.

Und dann - endlich Zuhause!


Aus diesem Abenteuer habe ich gelernt, dass ich was ich mir vornehme erreiche aber nur wenn ich auch Umwege akzeptieren und steinige Wege ΓΌberwinden kann.

Ich habe gelernt, dass Pausen unverzichtbar sind und ein schwerer Aufstieg immer zu einem lohnenswerten Ausblick fΓΌhrt.

Das ich Zeit fΓΌr mich brauche aber die Zeit mit meinem Partner unbezahlbar ist.

Das ich nicht an einem Ort bleiben mΓΆchte und ein freies Leben fΓΌhren will.


Die ersten Tage danach sind nicht einfach. Wie ich erwartet hatte, haben sich alt bekannte DΓ€monen eingeschlichen und eine dunkle Nebeldecke ΓΌber mich gezogen. Ich muss nun meinen Weg finden, meinen Berg den ich erklimmen will und dabei darf ich nicht vergessen wie frei ich sein kann wenn ich das alles hinter mir lasse.

Danke an Alle, die dies gelesen haben!

Angi

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EntwΓΆhnung und Heilung

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