Ein Sommer in Norwegen
Hallo, du wunderschönes Land! Wie hab ich dich vermisst – deine Formen, Farben, deine Art, den Alltag in die Vergessenheit zu schieben, wie du nach Freiheit duftest und wie du mich in deinen Bann ziehst. Knapp 2 Jahre warteten wir auf unsere Rückkehr, doch nun war es endlich so weit – zwar nur kurz – aber die schönsten Dinge im Leben sind die, bei denen man am liebsten die Zeit angehalten hätte, um sie noch länger zu genießen…
28.06.24
Frisch und knackig klingelte mein Wecker um 5 Uhr morgens. Jonas war bereits 1 Stunde früher aufgestanden, um das Haus aufzuräumen – nichts ist besser, als nach dem Urlaub in ein sauberes Zuhause zu kommen. Ganz entspannt packten wir die letzten Sachen. Diesmal würden wir mit unserem eigenen kleinen Auto – wohlbemerkt ein E-Auto – zelten, statt den Luxus eines Campers zu genießen. Dafür hatten wir uns extra ein neues Zelt und eine Luftmatratze gekauft und alles strategisch, Tetris-perfekt eingepackt. Das Auto quillte fast über, eine improvisierte Hänge-Netz-Situation schunkelte über Atlas’ Kopf, während neben ihm die Kühltruhe vor sich hin prustete. Der Boden im Kofferraum teilte unsere Konserven von dem Rest unseres Gepäcks, und an jedem Rücksitz gab es einen Auto-Organizer, in dem unsere täglich benutzten Gegenstände um ihren rechtmäßigen Platz kämpften.
Diese anfängliche Ordnung hielt erstaunlich lange an, aber irgendwann gabs halt doch eine Mülltüte voll mit Schmutzwäsche oder diverse Pfandflaschen, die bei jeder Kurve durch den Fußraum rollten… Aber kommen wir zurück zum Anfang.
Um 8:30 Uhr begann unsere Reise. Mit bester Laune und richtig viel Bock dudelten wir wieder die bekannten Straßen entlang und flogen beinahe nach Dänemark. Erst über eine Brücke, dann über die nächste. Wir hielten an denselben Raststätten wie schon vor 2 Jahren und waren einfach durchweg munter. Wir rollten in Schweden ein, und ganz schnell – zumindest fühlte es sich so an – waren wir auch schon am ersten Campingspot für die erste Nacht.
Anders als bei unserer ersten Reise, hatten wir vorher schon einige Spots ausgesucht, die garantiert fürs Zelten geeignet und ausgeschildert waren – diesmal war es auch nicht schlimm, wenn es etwas kostete, denn es entfielen die Kosten für den Camper. Also gönnten wir uns auch wirklich schöne Plätze, in diesem Fall im Haverdals Naturereserve. 130km südlich von Göteborg liegt dieser kleine Fleck Himmel. Gesäumt mit sich biegenden und kringelnden Kiefern ist es eine magische Landschaft, die mit hohen Dünen zum Meer mündet.
Oh, der Moment, als unser Zelt stand, und wir uns umschauen konnten – oh – wie war das schön… Wenn ich heute daran denke, könnte ich noch immer weinen, weil es eine so sanfte und liebevolle Begrüßung in einen unvergesslichen Urlaub war. Das Licht, das die Natur Gold malte, der Wind, der alle Sorgen forttrug, das Meer, das mit seinen Wellen die Seele wiegte, und mein geliebter Ehemann. Mein Partner, mit dem ich schon so viel erlebt und überstanden habe.
In dem Moment verliebte ich mich erneut. Verliebte mich in seine grünen, strahlenden Augen, die mir schon so oft ihre Emotionen zeigten. In sein Lächeln, dessen Fältchen ich angeblich zu verschulden habe. Seine Seele, die in diesem Moment heller strahlte als die Sonne.
In diesem Augenblick verankerte sich diese Erinnerung, die mir noch heute Tränen in die Augen treibt.
Es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, in der wir das Rauschen der Wellen, das goldene Licht und den feinen Sand genossen und einfach dankbar für den ersten Tag unserer Reise waren. Doch bevor es komplett dunkel sein würde, schlenderten wir zurück zu unserem Zelt.
Mittlerweile waren weitere Campingenthusiast*innen angekommen und bereiteten sich ihre Nachtdomizile vor. Unsere direkten Nachbarn waren quasi auch in Deutschland unsere Nachbarn, denn sie wohnten von uns nur ein paar Dörfer entfernt. Wir tauschten uns über unsere Reisepläne aus und sogar 2 Flaschen aus ihrer Fritzlimo-Kiste schenkten sie uns, während wir unsere nicht-mehr-ganz-so-warmen Tortelloni verspeisten.
Das Bettfertigmachen war dann ein kleines Abenteuer. Alles musste zügig unter dem freien Sternenhimmel geschehen. Schnell von Outdoor-Kleidung in Schlafzeug schlüpfen, während man sich selbst Applaus geben musste – auf diverse Körperstellen klatschen, um die Mücken zu vernichten. Zähneputzen ohne Spiegel – auf weiße Zahnpasta-Rückstände hinzuweisen, war also Pflicht. Und dann endlich in den kuscheligen Schlafsack kriechen und hoffen, dass man schnell einschläft.
Hust, hust – mit Schlafstörungen leider gar nicht so einfach. Normalerweise schlafe ich am besten bei einer Lieblingsserie ein, das beruhigt mich und ich habe kein Gedankenkarussell. Aber irgendwo auf einer Wiese in Schweden ist das nicht wirklich eine Option… Um es kurz zu halten: Die Nacht war grottig. Ich habe keine Stunde am Stück schlafen können, jedes Geräusch weckte mich auf, jeder Windzug rüttelte das Zelt. Ein Reh stolperte über ein Zeltseil und ein Igel schmatzte neben dem Eingang … Morgens war die krass gute Laune komplett hinüber und der Tag startete mit Kopfschmerzen.
29.06.24
Gegen 6:30 Uhr war es endlich Zeit, aufzustehen. Endlich, weil ich es nicht mehr ertragen konnte, wach in diesem Zelt zu liegen und mich weiter zu quälen. Der Kopfschmerz half kein Stück bei der Motivation, also gab’s ein Paracetamol zum Kaffee und ein stärkendes Frühstück. Anziehen und Zelt zusammenpacken war noch etwas holprig, aber ich war zufrieden mit der Ordnung in unserem Auto, was uns enorm Zeit ersparte beim Auf- und Abbau.
Wir plauschten noch mit unseren fellow Germanpeeps und begaben uns wieder auf die Straße. Ziel des Tages war: fahren, fahren, fahren – der nächste Stopp sollte nämlich schon im Hochland von Norwegen sein, und da waren es noch einige hunderte Kilometer hin.
Doch erstmal: Autoladen
Hach ja, ein Thema, das wir uns sooo einfach vorgestellt hatten, da ja immer die Rede davon ist, wie toll die Ladesäulen in Skandinavien ausgebaut sind. Wir waren uns so sicher, dass das alles gar kein Problem darstellen würde, aber leider wurden wir eines Besseren belehrt.
Zwar gibt es wirklich viele Ladesäulen, aber bedauerlicherweise auch unglaublich viele unterschiedliche Anbieter. Am Ende der Reise hatten wir daher ca. 6 verschiedene Apps auf unseren Handys. Und dann die Zuverlässigkeit … Oh Mann … Wie oft standen wir da und alles war angeschlossen, aber das Auto wurde einfach nicht geladen… Die Kreditkarte nicht angenommen… Das Konto nicht freigeschaltet, da es keine Meldeadresse in Norwegen gab und all so ein Spaß… Am Ende hatten wir eine zuverlässige Station und die dazugehörige App gefunden, bei der wir dann immer geladen haben, selbst wenn es einen kleinen Umweg bedeutete, ansonsten wäre es eine Zumutung gewesen. Aber bis dahin hatte Jonas bestimmt 2 oder 3 Ausraster, weil die schlechte Technik einfach nicht funktionierte.
Kurz vor Göteborg tankten wir also das Auto und machten uns danach auf den Weg zu einem Outdoor-Geschäft. Jonas wollte gerne noch ein Tarp haben – ein schickes Wort für eine Plane. That’s it – einfach nur eine Plane mit Ösen an den vier Ecken, in die man Seile oder Stöcker führen kann, um es dann aufzuspannen. Und wir fanden auch eins – für 200€. Während also unsere, billigen, aber sehr zuverlässigen, Planen zu Hause trocken im Keller lagen, hatten wir nun ein 200€ Tarp, das nur mit Seilen kam und ansonsten einfach nur einen schicken Aufnäher einer bekannten Outdoor-Marke trug. Man kann erahnen, dass ich die Idee mit der Plane nicht so sehr zu schätzen wusste. Aber Jonas war sich sicher, dass wir es nochmal brauchen werden – wenn es regnet oder so…
Wir verließen Göteborg um endlich über die Grenze zu kommen und hatten erneuten Ladestress bevor wir dann endlich nach einem Campingspot suchten. Eigentlich hatten wir ja welche rausgesucht, aber leider sieht die Realität vor Ort dann doch manchmal anders aus, und bisher mögliche Parkplätze hatten nun ein Campingverbotsschild. Also fuhren wir weiter und weiter, immer links und rechts am Ausschau halten ob wir eine kleine Niche oder sonstiges entdecken würden. Und dann fanden wir endlich einen kleinen Parkplatz, der als solcher nicht ausgewiesen war, aber auch kein Verbotsschild besaß - also perfekt!
Bis auf die Mücken.
Oh diese verfluchten Mücken. Unsere Abwehr bestand aus Kopfnetz und Autan in Familiengröße, aber diese miesen Biester krochen in jede Kleidungsspalte bei der sie hofften auf Haut zu treffen. Ihr Summen bereits ein Tinitus, bauten wir unser Zelt in Rekordzeit auf. Es war bereits 21 Uhr und ich so dermaßen abgefrustet, dass ich nichtmal mehr essen wollte. Ich wollte einfach nur schlafen und den Tag hinter mir lassen.
Und das taten wir dann auch. Ein unendlich stressiger Tag lag hinter uns, eine 4°C kalte Nacht vor uns und die Mücken warteten nur auf die Gelegenheit uns wieder zu attackieren.
30.06.24
Diese Nacht war 1000 × besser für mich, ich hab geschlafen wie ein Stein, bin nicht einmal wach geworden und habe sogar ausgeschlafen! Bis 9:00 Uhr war ich eingekuschelt… Und dann hab ich Jonas gesehen, rote Nase, kleine Augen und ein Gesichtsausdruck, als wäre er zu starkem Wind ausgesetzt gewesen – er hat so gut wie gar nicht geschlafen, weil er die ganze Nacht gefroren hat. Dazu muss man nun wissen, dass unser Zelt ein speziell „luftiges“ Zelt ist. Da sich in unserem alten Zelt immer sehr viel Feuchtigkeit sammelte, wollte ich diesmal eins haben, in dem das nicht passieren kann. Also haben wir ein Sommerzelt gekauft. Das bedeutet viel frische Luft und keine Isolierung. Unsere Schlafsäcke sind dann auch nur bis 10°C einsatzfähig und daher nicht für kaltes Wetter geeignet … Naja, aber genau das war leider der Fall an diesem kleinen Parkplatz. Da wir uns bereits in den Anfängen des Hochlandes befanden, wurde es nachts noch richtig kalt mit gerade mal 4°C. Also fror sich Jonas die ganze Nacht den Arsch ab und fühlte sich morgens dann richtig mies.
Aber natürlich war das nicht das Einzige, was an diesem Morgen für Frust sorgte. Wir konnten noch vom Inneren unseres Zeltes die Mückenarmee an unseren Fliegengittern fürchten lernen. Wie die Outrider bei Infinity War drückten sie sich blutrünstig durch die kleinen Löcher des Netzes und opferten dabei ihre eigenen Soldaten. Gelegentlich schaffte es eine durch das Netz und sauste in Blitzgeschwindigkeit auf uns zu, bereit, sich fettzusaugen an unserem Blut. Wir stülpten unsere Rüstung über und machten uns fertig für eine dreckige Schlacht. Die Zelttüren öffneten sich und mit waghalsigem Gebrüll stürzten wir uns in die Masse. Beide Seiten wurden zum Teil tödlich verwundet, und unser Captain Atlas wurde nach einem teuflischen Hinterhalt verwundet in Sicherheit gebracht. Wir konnten unser Lager nicht zurücklassen, also kämpften wir mutig und in gezielten Hieben um unser Hab und Gut. Doch eine Legion rollte an und wir mussten unsere Niederlage bekennen und flüchteten vom Schlachtfeld …
So oder so ähnlich hatte es sich zugetragen.
Nach diesem epischen Schauspiel hielten wir einfach am Straßenrand, um uns von den Strapazen zu erholen. Ein kleiner moosiger Berg lag vor uns, also wanderten wir hinauf und genossen den Weitblick über das grüne Hochland.
Ich hätte unzählige Fotos machen können. Dank meiner erholsamen Nacht war ich voller Motivation und Freude für den neuen Tag. Und die Umgebung war einfach so zauberhaft.
Aber irgendwann musste es auch weitergehen. Nachdem wir einem Plumpsklo einen Besuch abgestattet hatten, fuhren wir weiter zu einem kleinen Campingplatz, wo wir freundlich nach der Möglichkeit zu duschen fragten. Und tatsächlich, nachdem wir einen kleinen Preis gezahlt hatten, konnten wir uns beide frisch machen und den Mief loswerden. Die Route weiter entlang, sahen wir Wasserfälle, Berge und den Gaustatoppen von unten. Und erst gegen 14 Uhr hatten wir endlich Zeit und Raum, um zu frühstücken. Irgendwo auf einem Parkplatz, an einem See. Nichts Besonderes, aber wenigstens konnten wir endlich essen.
Nachdem wir noch einmal geladen hatten und einkaufen gewesen waren, ging es weiter durch das Hochland. Weite Sicht, grün-gelbe Wellen, weiße Schneeflecken und blökende Schafe, soweit das Auge reicht. Egal, wo wir langfuhren oder vielleicht auch mal anhielten, um uns etwas anzuschauen: Überall begegneten uns Schafe an diesem Tag. Manchmal lagen sie auch einfach in der Mitte der Straße oder trabten langsam auf ihr entlang – aber immer mit einer unverwüstlichen Ruhe.
Um in der Nacht nicht wieder so zu frieren, fuhren wir mehr ins Tal. Zwischen zwei langen Bergketten fanden wir einen kleinen Parkplatz mit einer Umrandung aus jungen Bäumen, zwischen denen wir unser Zelt aufbauen und endlich auch unser schickes Tarp aufhängen konnten. Jonas meinte, es schütze vor Wind und Regen. Regen gab’s nicht, und vor Wind schützte es leider auch null, stattdessen buckelten wir wie Gollum unter dem Ungetüm von einem Tarp. Und auch hier trafen wir wieder auf Mücken, aber aufgrund des starken Windes wurden diese in die nächste Dimension gepustet.
An dem Abend kochten wir fein indisch und genossen die letzten Sonnenstrahlen, bevor uns die Berge in einen kühlen Schatten tauchten.
Endlich hatten wir alle eine erholsame Nacht.
01.07.24
Dank der guten Nacht, waren wir wieder richtig fit und ausgeruht für den neuen Tag. Diesmal mussten wir auch nicht gegen die Mücken kämpfen, sondern konnten ganz entspannt frühstücken. Jonas konnte kalt duschen, und dann packten wir alles zusammen, um weiterzufahren.
Unsere Route hatten wir an einigen Wasserfällen vorbei geplant. Auch wieder ein Teil durchs Hochland durfte nicht fehlen. Hier möchte ich mal erwähnen, dass die Straßen des Hochlandes um einiges schmaler sind als die schicke E6 oder ähnliche große Straßen. Und da nicht nur wir die Fahrt im Hochland bevorzugten, kam es auf der Strecke häufiger mal zu kleinen Staus, denn wenn ein Reisebus und ein Lkw aneinander – in der Kurve – vorbeifahren wollen, braucht es Geduld und Geschick, um alles so zu navigieren, dass keine Spiegel an der Felswand kratzen oder einer der Reifen in den Graben rutscht. Es war also spannend.
Auch hier lebten unzählige Schafe nahe der Straße, überall konnte man ihr Klingeln hören. Und die Landschaft war einfach nur zauberhaft. Weite, grüne Hügel, die sich sanft hoben und senkten. Scharfkantige Felsformationen, die emporragten. Wir genossen die Aussicht und die Ruhe, wenn der Verkehr mal etwas stiller war, und machten dann in einem kleinen Ort einen Ladestopp, bevor es weiter Richtung Stavanger ging.
Wir steuerten einen Campingplatz auf der Insel Sokn an. Da wir für den nächsten Tag eine etwas größere Wanderung geplant hatten, wollten wir es uns mit der Schlafplatzsuche etwas einfacher machen. Außerdem musste ein wenig Wäsche gewaschen werden und ich konnte auch mal wieder eine heiße Dusche gebrauchen. Unser Stellplatz lag direkt hinter einem kleinen „Deich“, der uns ein wenig vor Wind und Wetter schützte. Trotzdem waren wir wieder im Gollum-Modus unter unserem Tarp. Diesmal war es zwischen Zelt und Auto aufgespannt, was erstmal ein langer Prozess war, da unser Auto nicht mal eben über irgendwelche D-Ringe oder Ähnliches verfügt, an dem man Seile befestigen könnte. Tatsächlich dauert es an diesem Tag dann am längsten, alles aufzubauen. Und als wir dann endlich fertig waren, wollte ich mit dem Kochen beginnen. Doch leider fiel der Gaskocher immer wieder aus. Wir dachten erst, es läge vielleicht am Wind, also versuchten wir, das Gerät etwas geschützter hinzustellen. Aber bedauerlicherweise half das gar nichts und unser Essen lag kalt in der Pfanne, während die letzte Flamme erlosch. Das Gas unserer Kartuschen hat sich verflüchtigt. Wir hatten 4 Kartuschen dabei, und keine funktionierte mehr – obwohl sie nie benutzt worden waren! Und jetzt? Tja, das Tarp wieder abbauen, zumindest den Teil, der am Auto ist, und dann neue Kartuschen besorgen – kurz vor Ladenschluss. Jonas düste durch die Gegend, bis er irgendwann einen Laden fand, der tatsächlich diese Form von Gas verkaufte, und nahm erstmal alle mit, die er tragen konnte. Währenddessen entspannte ich im Zelt und nickte hin und wieder ein. Als Jonas dann wiederkam, brutzelte ich unser Essen in Windeseile fertig und wir konnten leckere vegane Ente mit Udon-Nudeln genießen.
Jonas wusch wäsche und den Abwasch und ich machte mich Bett fertig. Morgen würde ein anstrengender Tag werden.
02.07.24
Der Morgen startete für mich, nachdem ich eine richtig schön heiße Dusche hatte. Der Wind machte es uns schwer, alles abzubauen, und ich wäre mit dem Tarp beinahe weggeflogen, als eine Windböe es in die Luft drückte. – Ich und dieses Tarp …
Wir kamen etwas später los als geplant, was sich aber später als Vorteil erwies. Für diesen Tag hatten wir eine große Wanderung geplant. Nachdem wir bei der letzten Norwegen-Reise den Festvågtind erklommen hatten, wollte ich auch dieses Mal wieder eine Bergspitze erreichen. Dazu gab es aber ein paar Kompromisse: keine so schwierige Route, nicht mehrere lange Wanderungen an aufeinanderfolgenden Tagen und es bleibt bei einem Berg. Und all das versprach die Wanderung zum Preikestolen.
Der Preikestolen ist ein natürliches Felsplateau, das in 604 Metern Höhe über den Lysefjord herausragt. Wir wussten, es würde voll werden, da es sich um eine beliebte Touristenattraktion handelt. Selbst Menschen mit Gehstock und anderen Laufeinschränkungen kletterten die knapp 4 Kilometer rauf und natürlich auch wieder runter. Tatsächlich war es aber mal wieder ein wahres Phänomen, zu sehen, wie viele Reisebusse massenhaft Menschen ankarrten. Hier bedarf es viel Geduld, denn die Nettigkeiten gehen flöten, wenn Menschen sich eine Weile sportlich betätigen und es nicht so läuft, wie sie es gerne hätten. Also warteten wir immer geduldig, wenn uns Leute überholen wollten, mussten ausweichen, wenn die Menschen vor uns plötzlich stehen blieben, und brauchten extra starke Nerven, wenn manche ihre Hunde nicht unter Kontrolle hatten und diese wie wild an der Leine umherrissen. Es ist kein Wunder, dass an diesem Felsvorsprung auch mal Leute ihr Leben verlieren. Denn wie schon erwähnt: Manche Menschen werden ungeduldig und dann auch unvorsichtig. Auch wir haben ein paar Leute beobachten können, die wirklich fragwürdige und waghalsige Aktionen machten, nur um schneller voranzukommen.
Aber das ist nicht alles. Nachdem wir oben angekommen waren, und diesen fabelhaften Ausblick genießen durften, gönnten wir uns eine ausgiebige Pause, um uns für den Abstieg vorzubereiten. Wir hatten unfassbar viel Glück mit dem Wetter, denn als wir ankamen, zog der Himmel auf und es war trocken und die Sicht frei. Kurz vorher war der ganze Preikestolen in Nebel gehüllt. Also haben wir zeitlich doch alles richtig gemacht.
Und nun lasse ich nochmal die Moralapostel raushängen, denn als wir da so saßen, mit den anderen bestimmt 400–500 Menschen, bildete sich eine Schlange bei dem besten Fotospot. Ganz gesittet wartete jede Person auf ihren Moment im Rampenlicht, und manche waren der Ansicht, man könnte das ja besonders nutzen und für großes Aufsehen sorgen. So machte z.B. ein junger Mann dort, an der Spitze des Preikestolen – wo es senkrecht 604 Meter in den Abgrund geht – einen Handstand. Ein Raunen ging durch die Menschen, erschrockenes „clutching my pearls“-Atmen. Das reichte dem Typen jedoch nicht, er schob direkt noch einen Backflip hinterher, für den er tatsächlich von manchen Anwesenden einen Applaus erhielt. Und ich saß da auf meinem Stein und motzte vor mich hin, denn was der Jungspund da gerade gemacht hatte, war nicht nur unfassbar gefährlich, es war auch dermaßen dumm und egoistisch. Ich bin nicht auf einen Berg gestiegen, um dabei zuzusehen, wie ein Mensch in seinen Tod stürzt, danke, nein. Aber leider ist man an solchen Plätzen dieser Dummheit anderer ausgesetzt, und das macht mich echt sauer. Immerhin waren auch Kinder an diesem tollen Platz, und da Kinder ja nicht unbedingt für überlegte Handlungen bekannt sind, würde ich solch riskante Aktivitäten wirklich unterlassen… Ich hoffe, er hat ein tolles Insta-Bild dadurch bekommen und keine Menschen auf dem Gewissen, die dachten, sie könnten so einen Mist nachmachen.
Nachdem auch Atlas und ich unseren kleinen Starmoment hatten, begaben wir uns wieder langsam nach unten. Und tatsächlich rollte eine dicke Regenfront ein, die uns den ganzen Abstieg begleitete. Und auch hier muss ich sagen: Ich verstehe, warum Unfälle passieren, denn das Wetter war so schnell umgeschlagen, dass der Weg kaum noch erkennbar war und wir wirklich aufpassen mussten, wo wir hintreten, um nicht abzurutschen.
Der Weg runter machte Spaß, da wir nun keinen Zeitdruck hatten und alles ganz in Ruhe machen konnten. Selbst der Regen konnte uns die Laune nicht vermiesen. Und nach 5,5 Stunden kamen wir endlich wieder beim Auto an. Durchnässt, aber total zufrieden.
Und so begann wieder die Suche nach einem schönen Schlafplatz. Insgesamt waren wir an 4 möglichen Plätzen und die ersten 3 waren einfach nicht geil. Der eine Platz war voll mit Schafkot, und Atlas liebt es, sich in diesem zu wälzen. Also war das keine gute Idee. Wir fuhren immer weiter und weiter, bis wir irgendwann einen kleinen Rastplatz direkt neben der Straße entdeckten. Idyllisch gelegen an einem großen See, mit einem Toilettenhäuschen und einem Picknicktisch. Hier schlugen wir unser Zelt auf und lüfteten die nasse Kleidung aus. Das Abendessen zu kochen war dann wieder ein Abenteuer, da es diesmal wirklich zu windig für den Gaskocher war und Jonas mit vollem Körpereinsatz die Flammen versuchte zu schützen. Wir warteten bestimmt 1,5 Stunden, bis unsere Pasta endlich fertig war. Danach ging es direkt ins Bett, ausruhen von diesem aufregenden Tag.
03.07.24
Eine unaufgeregte Nacht lag hinter uns. Nur gelegentlich konnte man das Bimmeln der Schafsglocken aus den Bergen hallen hören. Ich bin kurzerhand ins kalte Wasser gehüpft, um mich frisch für den Tag zu machen. Jonas machte es mir nach, wenn auch deutlich zaghafter… war ja kalt :D
Zum Frühstück gab es saftige Pancakes, und danach packten wir alles zusammen, um die nächste Fähre zu erwischen. Von Hjelmelandsvågen setzten wir über zu Nesvik. Eine kurze Fährstrecke, aber trotzdem toll – bis auf den immer stärker werdenden Fischgestank. Wir rätselten: „War es das Wasser? War es das Schiff?“ – „Nein!“ Es war Atlas, der sich unbemerkt an unserem tollen Seeplatz in Fischinnereien gewälzt hatte. Nach der Fähre also direkt die nächste Möglichkeit zum Halten genommen und erstmal den Hund geduscht. Der fand das gar nicht witzig – zu Recht, das Wasser war nämlich mega kalt. Aber selbst schuld. Was wälzt er sich auch in toten Fischresten?
Nach der dramatischen Dusche, roch das Auto immer noch nach Fisch und jetzt zusätzlich noch nach nassem Hund. Aber egal, wir fuhren weiter durchs Land. Bestaunten Berge, Hügel, Seen, Fjorde, Täler und Felder. Unser letztes Ziel war der weitest entfernte Punkt von Zuhause, bevor wir wieder umdrehen würden. Es handelte sich um einen Gletscher, im Folgefonna-Nationalpark, den Buarbreen. Auf dem Weg dorthin sind wir vorbei am Flesefossen, einem Trinkwasser-Wasserfall, über die Turistveg: Røldalsfjellet Scenic Route und an dem bekannten Låtefossen gefahren.
Es drehte sich also an diesem Tag alles um Wasser, in seinen unterschiedlichen Aggregatzuständen. Die Strecke war toll, wobei ich nicht sonderlich fit und gut gelaunt war. Der Fischgestank hatte eine leichte Migräne ausgelöst, daher blieb ich immer eher etwas ruhiger und unaufgeregter und machte Bilder aus dem Autofenster.
Jonas war besonders begeistert von den Gletschergebieten. Auf der Scenic Route hielten wir an, damit er mit dem Fernglas alles abchecken konnte und mir dann freudig davon erzählte, wie der Gletscher aussieht wie eine Wolke, die den Himmel berührt.
Wir brauchten dieses Mal nur 2 Versuche für einen Campingplatz, wobei der Platz, an dem wir dann landeten, eine wackelige Angelegenheit war, denn eigentlich war das Zelten dort nicht erlaubt. Wohnmobil schon – nur bitte kein Zelt… Ich saß also weinend im Zelt, durch die leichte Migräne und die damit einhergehende Übelkeit wollte ich einfach nur zur Ruhe kommen, und ich hatte so eine Sorge, dass wir wieder stundenlang nach einem Platz suchen müssten. Obwohl wir uns so „gut“ vorbereitet hatten, waren doch die Plätze immer suboptimal, weil es oft keine aktuellen Informationen zum Stand des Platzes gab oder es tatsächlich nur für Wohnmobile und Ähnliches erlaubt war. Die Kombi aus Auto und Zelt schien tatsächlich nicht die beste zu sein.
Jonas fragte bei der Gaststätte nach, ob es doch ok sei, dort zu bleiben, und tatsächlich waren die Menschen dort sehr freundlich und erlaubten unser Zelt. Der Tag endete dann mit einem fixen Abendbrot.
04.07.24
In der Nacht hatte es stark geregnet und das Zelt war gut nass – toll, dass unser Tarp den Bereich vor dem Zelt so trocken gehalten hatte… Wir hatten ein frühes Frühstück, bauten alles ab und begaben uns auf die vorletzte Tour. Tatsächlich war es auch die letzte Tour mit kleinen Zwischenstopps und Bildern. Wir nahmen noch eine Kurve, um den Vøringsfossen zu sehen. Einen super steilen Wasserfall, der eine gut besuchte Touri-Attraktion ist. Und fuhren dann in das kleine Örtchen „Geilo“, um unserem Auto noch einen Energieschub zu verpassen, bevor es in Richtung Deutschland ging.
Von dort waren es tatsächlich noch über 1300km, also war ein Zwischenhalt mit Übernachtung unausweichlich. Problem war nur, dass für diesen Tag ein starker Sturm angesagt war und wir nach dem nassen Morgen, wenig Begeisterung für eine regnerische Aufbauaktion hatten. Also hatten wir eine grandiose Idee: „Lass uns ein AirBnB buchen!“
In Gressvik, 300km südlich von Geilo, buchten wir uns kurzfristig ein charmantes AirBnb, das einem sehr freundlichen Herren namens Steinar gehörte. Es war ein Mini-Gasthaus direkt neben seinem Haus in der Nähe eines kleinen Hafens. Und das war wohl die beste Entscheidung in diesem Urlaub. Der Sturm, der angesagt war, zog unverzeihlich über die Felder und rüttelte das kleine Holzhaus. Es regnete ohne Pause, während wir warm und kuschelig im bequemen Bett lagen und die letzte Nacht erholsam schlafen konnten.
05.07.24
Abfahrt! Superfrüh wurden wir wach und zögerten nicht lang, uns fertig zu machen und alles ins Auto zu räumen. Der Tag würde unendlich lang werden, immerhin hatten wir noch 1000km vor uns. Manchmal glaube ich, wir denken nicht richtig nach, wenn wir solche Entscheidungen treffen. Klar möchte man schnell nach Hause, aber so viel an einem Tag zu fahren, schlaucht enorm, und am Ende der Reise denkt man dann nur daran, wie anstrengend der letzte Tag war. Vielleicht brauchen wir da mal ein Umdenken – Spoiler: Bei den nächsten Reisen machen wir es genauso…
Wobei ich in diesem Fall auch fair bleiben muss, denn eigentlich wollten wir noch länger unterwegs sein bzw. nochmal zwischenhalten. Aber aufgrund des anhaltenden schlechten Wetters, war dies keine Option für uns.
Um uns bei Laune zu halten, hielten wir regelmäßig an, um ordentlich zu essen. Nicht einfach nur unseren Proviant, sondern auch mal was Warmes wie Hot Dogs oder veganes Gebäck. Bei so einer anstrengenden Fahrt ist jedes Essen willkommen, Hauptsache Energie, um die Strecke zu schaffen.
Aus unserer Erfahrung ist die Circle K Tankstelle sehr zuverlässig, was Ladesäulen angeht, sowie Hot Dogs, und das Espresso House ist (zumindest in Schweden) hervorragend mit veganen Leckereien ausgestattet.
Nach der Hälfte der Strecke bemerkte ich, beim Proviantrauskramen, dass unser Kofferraum leicht geflutet war. Der 10 Liter Wassersack war nicht anständig verschlossen und ergoss sich in die untere Ebene. Also standen wir da mit unseren Bechern und schaufelten das Wasser aus dem Auto. Dinge, die man nicht braucht …
Danach ging es ohne weitere Probleme auf direktem Weg nach Hause. Gegen 1 Uhr nachts erreichten wir unser gemütliches Heim und ließen den meisten Kram im Auto und fielen einfach direkt ins Bett.
Fazit dieser Reise:
Norwegen im Sommer ist toll, aber ich mag es doch lieber kälter. Die Mücken waren der blanke Horror und die Masse an Menschen gefiel mir auch nicht so gut. Trotzdem bin ich dankbar für diese kurze und sehr spannende Reise, mit meinem tollen Ehemann und unserem tapferen Schmök.
Die Kombination aus Auto und Zelt ist nicht gut. Entweder der Boden ist zu hart, oder nicht fest genug. Auf manchen Plätzen darf man nur mit einem Wohnwagen stehen oder nur mit einem Zelt, aber nicht mit einem Auto. Die beste Variante scheint doch noch immer ein Camper zu sein. Ein kleiner, damit man auch wirklich einen Platz findet.
Und damit verabschiede ich mich.
Danke, für dein Interesse an unserem kleinen Abenteuer.
Das nächste wartet schon darauf, mit euch geteilt zu werden.
Bis dahin ♥
Angi